Ode an Odette – was mir ein blinder Hund über Akzeptanz gezeigt hat

Heute Morgen, noch im Bett, hat sich ein Gedanke still zusammengefügt, der schon länger darauf gewartet hat, dass ich über ihn schreibe.
Ein Gefühl, das ich aus so vielen Gesprächen, Mails und Forenbeiträgen von euch kenne – und von mir selbst.

Im Buddhismus heißt es, dass Leiden oft erst durch das Bewerten und das Nicht-Annehmen einer Situation entsteht.

Ich lese so oft von diesem inneren Kampf.
Von dem Wunsch, dass das alles nicht wahr ist, dass alles wieder so wird wie früher.
Von der Angst, dass es schlimmer wird, dass eine neue Netzhautablösung kommt, dass es Komplikationen gibt, vor einer neuen OP, einem neuen Krankenhausaufenthalt, neuen Schmerzen, neuen Hoffnungen und neuen Enttäuschungen.

Ich kenne das so gut. Ich war lange genau dort – Wochen, Monate, Jahre, immer wieder.

Manchmal wünsche ich mir rückblickend, mir hätte damals jemand einen Weg aus diesem Loch gezeigt. Jemand, der mir gesagt hätte, was ich tun kann, damit es mir endlich besser geht, statt mir nur bunte Pillen gegen meine Ängste zu geben, damit ich weiter funktioniere und alles andere in mir betäubt wird.

So unbequem es klingt: Es wurde erst leichter, als ich angefangen habe, nicht mehr zu kämpfen, sondern zu akzeptieren.

Im Dezember habe ich am Lagerfeuer Odette kennengelernt. Ich wusste sofort: Über sie möchte ich einmal schreiben. Damals konnte ich noch gar nicht sagen, warum.

Heute Morgen habe ich es verstanden.

Odette ist ein kleiner blinder Hund. Und ich habe selten ein Wesen erlebt, das so im Frieden war. Die meiste Zeit lag sie bei einem ihrer Menschen auf dem Schoß, entspannt, die Nähe und die Wärme des Feuers genießend. Wenn sie sich bewegte, war es nicht unsicher, sondern ruhig, etwas vorsichtig und voller Vertrauen.

Odette kämpft nicht gegen ihre Blindheit an.
Sie lebt einfach. Sie ist im Moment. Sie ist präsent.

Dieses kleine Wesen hat mich zutiefst berührt und beeindruckt.
Und ich habe mich gefragt: Was wäre, wenn wir das auch könnten?

Es hört sich immer so einfach an, wenn man hört: „Du musst es eben akzeptieren.“

Als könnte man sich von einem Moment auf den anderen einfach dafür entscheiden. Als wäre es nur eine Einstellungsfrage oder ein Charaktermerkmal, das wir irgendwo suchen und aktivieren müssen.

Viele denken: „Ich sollte es einfach akzeptieren …“ Und wenn das nicht sofort funktioniert, kommt zum Leid noch das Gefühl des Versagens dazu – und noch mehr Druck.

Niemand bringt uns bei, wie Akzeptanz wirklich geht.

Akzeptanz bedeutet, aufzuhören zu kämpfen. Nicht, das, was ist, zu ignorieren. Es ist kein Aufgeben, kein Resignieren. Und es bedeutet auch nicht, dass ich die Situation gut finde.

Akzeptanz ist ein Prozess, für den wir uns bewusst entscheiden können – mit dem Wissen, dass er nicht angenehm ist und Zeit braucht.

Akzeptanz heißt, durch den Schmerz hindurchzugehen.

Wir haben gelernt, dass herausfordernde Gefühle wie Angst, Wut, Schmerz und Trauer nicht gut sind, nicht gern gesehen sind – weder in unseren Familien noch in unserem Umfeld. Und sie fühlen sich ja auch nicht gut an. Also haben wir von klein auf gelernt, Gedanken wegzudrücken und Gefühle nicht fühlen zu wollen.

Doch diese Gefühle gehören zu uns.

Wenn wir von Akzeptanz sprechen, dann geht es darum, diese Gefühle wahrzunehmen und zuzulassen, statt sie wegzuschieben.

Es geht darum, durch Schmerz, Trauer und Wut hindurchzugehen. Es auszuhalten, dass diese Dinge da sind. Das kann allein geschehen oder in einem Raum, den andere Menschen dafür öffnen und halten.

Es ist kein angenehmer Weg. Aber von Mal zu Mal wird es ein wenig leichter. Die Energie kommt irgendwann zurück, weil wir sie nicht mehr mit sinnlosen Kämpfen verschwenden. Unsere Ängste sind vielleicht noch da, aber dadurch, dass sie endlich gefühlt werden dürfen, beherrschen sie uns nicht mehr. Und irgendwann stellt sich so etwas wie innerer Frieden ein.

Wir können lernen, aus der Gedankenspirale auszusteigen, indem wir bewusst wahrnehmen, dass wir die Vergangenheit zum 198. Mal Revue passieren lassen oder uns den Worst Case der nächsten Augenoperation mit allen möglichen Komplikationen ausmalen.

Wir dürfen lernen, den jetzigen Moment wieder wahrzunehmen und zu fühlen – mit all seinen Facetten.

Wie das geht?
Mit Achtsamkeit, Atemübungen und Meditation.

Wenn du dich in diesen Gedanken wiederfindest: Du bist nicht allein.

Und wenn du lernen möchtest, Schritt für Schritt mehr in die Akzeptanz zu kommen, begleite ich dich gern ein Stück auf diesem Weg.

Und vielleicht beginnt es genau dort.

Ein bisschen weniger kämpfen.
Ein bisschen mehr annehmen, was ist.

Und ich danke Odette
für diese stille, so wertvolle Inspiration. 🐾

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